Der Onkel

Eines Nachmittags – R. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt – drängte sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen R.’s Onkel J., ein großer Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. R. erschrak bei dem Anblick weniger, als sie schon vor längerer Zeit bei der Vorstellung vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel mußte kommen, das stand bei R. schon etwa einen Monat lang fest. Der Onkel befand sich immer in Eile, denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei seinem immer nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles erledigen können, was er sich vorgenommen hatte. Dabei mußte ihm R., die ihm als ihrem gewesenen Vormund besonders verpflichtet war, in allem möglichen behilflich sein und ihn außerdem bei sich übernachten lassen. „Das Gespenst vom Lande“ pflegte sie ihn zu nennen.

Zur besonderen Überraschung kam bei diesem Besuch allerdings noch R.’s Bruder J. von der Lingusbruderschaft mit, was R. besonders erfreute. Zu dritt verbrachten sie eine schöne Zeit; außerdem hatte sich R. von ihrem Ersparten schon vor längerer Zeit eine Kamera mit Möglichkeit zur Farbaufnahme, mit der sie Momentaufnahmen des Besuchs für spätere Erinnerungen zu machen gedachte, zugelegt.

Beim Spazierengehen fiel R. auch diesmal auf, daß am Gerichtshäuschen am Stadtrand mehrere Videokameras angebracht worden waren, die R. auf Schritt und Tritt verfolgten.

Wie R. später erfuhr, hatte die Verwandtschaft genauso viel Zeit auf der Reise wie in der Stadt verbracht.

„weißt du eigentlich wo wir gelandet sind gestern?

der „nette“ und äußerst geschäftstüchtige ryan air SIR am schalter sagte frankfurt…ich dachte prima frankfurt da gibts ne ice anbindung

faktisch war es aber frankfurt hahn was ja eigentlich lautzenhausen heißt!

das ist wie wenn ich sage ich wohne in stuttgart ost = o. [kaff bei ehingen]

100 km vom nächsten bahnhof ist der sch*** flughafen!

aaalso das war gaaar kein problem schau:

vom wörldwideinternational metropolitian flughafen lautzenhausen zum busbahnhof zu fuß
vom international busbahnhof lautzenhausen mit nem reisebus nach mainz
von mainz (ZDF) mit nem IC nach mannheim
Von mannheim mit nem ICE nach stuttgart
von stuttgart mit nem ICE nach ulem
von ulem mit ner regionalbahn nach erbach
von erbach mit nem bus nach o.
von o. mit nem fahrrad nach e. (brotheronly)“

Die Bahn bedankt sich für Ihr Monatsgehalt!

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3 Antworten to “Der Onkel”

  1. wolf.exeifel Says:

    Liebe MissLingus, ich freue mich das die aktuelle Mißbrauchsdebatte auch meine geliebtes De√on erreicht hat ( schließlich ist das ja genau auf halber Strecke zwischen Dublin und der Odenwaldschule, und Internate sowie Familien gibt es dort doch auch)

    Ihre zentral verpackte Allegorie (F….platz/ Hahn) macht nocht deutlicher als die klassische Onkelkonstellation, ( oder übersieht man das Hänsell&Gretel Sndrom ?) dass Sie dankenswerterweise wesentliche Elemente hervorheben:

    patriarchale Macht bei libertären Sexualkonventionen und mangelnde väterliche Verantwortlichkeit.

    best platonic&physical wishes
    yours
    wolf

    • misslinge Says:

      Lieber Mr Exeifel,

      bitte nicht falsch verstehen – Missbrauchsdebatte: Ja, gerne, aber die hab ich hier nicht allegorisch eingepflanzt, oder, für den Psychologen, allerhöchstens unbewusst.
      Die Überschrift sowie die erste kursive Passage sind fast wörtlich aus Kafkas „Proceß“ entnommen, die zweite kursive Passage entstammt der Feder meines Onkels J. Der nichtkursive Teil ist ein dem Stil nach Kafka angepasster, jedoch bei ihm nicht zu findender. Zugegeben musste der Begriff „Lingusbruderschaft“ sein, obgleich er nicht zu mehr als einem kleinen Seitenhieb auf die aktuelle Diskussion zu deutschen Landen gedacht war.

  2. Mr. Ryan Air Says:

    Hello Misslinge,

    our supercalifragilisticexpialidocious Airline is with not one word mentioned in your blog. Im not amoused!

    dears faithfully

    ryan

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