In der Birne von Ribbecka

In meinem Kopf ist heute der Entschluss gereift, etwas auszuprobieren, ein kleines Experiment durchzuführen, und zwar hier, und natürlich wird das Experiment gelingen, beziehungsweise es ist schon gelungen, sonst würde ich das ja nicht hier veröffentlichen, denn ein gescheitertes Experiment enthalte ich der Welt lieber vor, als dass ich es kundgebe, und vielleicht ahnt ja der eine oder andere schon, was für ein Experiment es sein wird, oder ist, oder war,

denn seit einigen Zeilen habe ich ja denselben Satz immer fort- und fortgeführt, ganz ohne Punkt, und auf die Idee bin ich gekommen durch Friedrich Christian Delius‘ Die Birnen von Ribbeck, daher also auch der Titel dieses Artikels, und das Besondere an Delius‘ Erzählung ist, dass sie genau einen Satz enthält, der außer von einem Punkt auf Seite 79 nur von Hunderten Kommata, Absätzen und einem Doppelpunkt auf Seite 35 in kleinere Abschnitte unterteilt wird, aber da ich noch nicht weitergelesen habe als Seite 35, weiß ich nicht, ob vielleicht noch weitere außerkommataische Satzzeichen drin vorkommen und

nun interessiert mich natürlich, ob es denn genauso schlimm ist, ohne Ende zu schreiben, wie ohne Ende zu lesen, da man doch beim Lesen nie Luft holen kann, weil es immer weitergeht und weitergeht, und sogar am Ende eines Absatzes geht es weiter, sodass man sich gar nicht traut, eine Lesepause einzulegen, weshalb ich Lesepausen auch manchmal mitten im Absatz einlege, damit ich nicht denke, ich hätte einfach mitten im Satz aufgehört zu lesen, obwohl das dann ja genau so ist, denn schließlich steht in dem ganzen Buch nur ein Satz, aber

der eigentliche Grund, weshalb ich schreibe, ist ein ganz anderer, oh, und darf ich noch erwähnen, dass ich die Lang-Satz-Idee schon vor dem Lesen des Buches hatte, denn wer genauer hingeschaut hat, hat vielleicht bemerkt, dass mein Artikel Schaben im Bad auch aus nur einem Satz besteht, naja, eigentlich nur der zweite Absatz des Artikels, aber immerhin, nur ein Punkt auf neuneinhalb Zeilen, und jetzt merke ich, wie ich ganz vom Thema abkomme, obwohl ich eigentlich ja noch überhaupt nicht beim Thema war,

deshalb schreibe ich jetzt endlich, worum es geht, nämlich darum, dass alle Bewohner meines Heims heute eine Mail bekommen haben mit dem Inhalt, dass von nun an Weekly Flat Inspections durchgeführt werden, und zwar von unserem Office Manager, der übrigens eine Frau ist, was aus der englischen Bezeichnung ja überhaupt nicht ersichtlich wird, und diese Frau entscheidet darüber, ob die Wohnheimswohnungen ordnungsgemäß benutzt werden oder nicht, und wenn nicht,

dann werden saftige Bußgebühren fällig, über deren Höhe wir zum neuen Jahr schriftlich informiert wurden, und durchschnittlich liegt die Geldstrafe bei zwischen 50 und 100 Pfund, und so wollen sie uns davon abhalten, die Küche beim Kochen kurz zu verlassen, weil ja die Würstchen ein paar Minütchen zu lange in der Pfanne schmoren könnten, und dann würde es rauchen und der Feueralarm ginge los, und weil es so stressig ist, als Office Manager vorbeizukommen und den Alarm abzustellen, lässt man sich schnell noch 50 Pfund extra bezahlen, ganz so,

als ob sie mit ihrer englischen Höflichkeit nicht sagen könnten, liebe Studenten, die ihr euch entschieden habt, hier im Erstigefängnis zu wohnen, weil ihr keine andere oder keine bequemere Möglichkeit hattet, eine Wohnung zu finden, ihr, die ihr euch auf dem Weg zum Erwachsensein befindet, ihr müsst wissen, dass ihr hier etwas mehr Verantwortung zu tragen habt als im Hotel Mama, und dazu gehört auch, dass ihr nicht mit Feuerlöschern um euch werft, was ihr natürlich nicht getan habt, aber vorsichtshalber komm ich euch mal kontrollieren, denn

mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort hat die englische Höflichkeit ein Ende, und eigentlich entspringt unsere verbale Höflichkeit sowieso nur unserer selbstauferlegten zwanghaften Selbstkontrolle, und weil wir es von uns selber nicht anders kennen, kontrollieren wir auch euch.

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4 Antworten to “In der Birne von Ribbecka”

  1. Hauptschüler Says:

    zur topologie:
    hm, mein deutschlehrer, sagte immer komma und und geht nich zusammen! hat der gelogen?

    zum inhalt:
    ich denke, diese mail ist wohl eher an deine anderen mithäftLINGE gerichtet? das werden alles so partygeile messies sein oder?

  2. misslinge Says:

    Zur Topologie:
    Das haben meine Deutschlehrer auch immer gesagt, aber das war vor der Rechtschreibreform. Glaub ich. Bei der Kommasetzung hab ich mich jedenfalls immer auf mein Gefühl verlassen, und das hat meinen Diktaten nie geschadet.

    Zum Inhalt:
    Ja, dat stimmt bestimmt. Trotzdem finde ich es kurios, da es sowas in Deutschland meines Wissens nicht gibt. Vermutlich, weil dort in den Wohnheimen nicht nur Erstsemestler wohnen.

  3. Kommentatus Says:

    Ihr glaubt also, in Deutschland gäbe es keine Flat-inspections? Da habt ihr euch aber getäuscht! Es gibt lediglich keine Briefe, die die Zimmerkontrolle vorher ankündigen. Und für eine ordnungswidrige Benutzung der Stockküche gibts kein einheitliches Bußgeld, sondern willkürliche Entwendung von Geschirr als Strafe. – Kannst du dich nicht mehr daran erinnern, Miss Linge?
    Bezüglich der Kommasetzung dürfen sich Lehrer in spe übrigens ruhig von Hauptschülern berichtigen lassen, ich bin ganz seiner Ansicht.

  4. misslinge Says:

    Die Zimmerkontrollen im Hause R. waren rechtlich gesehen aber Hausfriedensbruch, und Herr H. hätte niemals jemanden verschimpfen dürfen für etwas, das er während der Abwesenheit des Zimmerbewohners – und vor allem ohne dessen Wissen um den Zimmerbesuch – im Zimmer entdeckt hat. Das Schlimme in England ist, dass das alles (wahrscheinlich) mit rechten Dingen zugeht.

    die kommas vor den unds dienen hier der gliederung des satzes um dessen sinnabschnitte sichtbar zu machen was das lesen und verstehen insgesamt erleichtert und den sprechpausen entspricht.

    Auf der Homepage des Instituts für Deutsche Sprache (http://www.ids-mannheim.de/reform/) kann man sich das Regelwerk der deutschen Rechtschreibung als PDF-Datei runterladen. §73 besagt Folgendes: „Bei der Reihung von selbständigen Sätzen, die durch und, oder, beziehungsweise/bzw., entweder – oder, nicht – noch oder durch weder
    – noch verbunden sind, kann man ein Komma setzen, um die Gliederung
    des Ganzsatzes deutlich zu machen.“
    Folgender Beispiel Satz stammt aus dem Wikipediaeintrag zum Thema „Kommaregeln“, unter „1.8 Konjunktionen“:
    „Er stand auf, und dann ging sie.“

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