Das letzte Wort

24. Mai 2010

Mein Auslandsjahr nähert sich seinem Ende, und zwar, für den unwissenden Blogleser, in ziemlich großen Schritten:
Die Klausuren sind geschrieben, fast alles ist gepackt, geputzt und verabschiedet. Fehlt nur noch die Zimmerabgabe und last room inspection morgen früh, dann geht’s ab nach London. Von dort aus fliege ich nach einer Woche, natürlich nur mit Erlaubnis von Eyjafjallajökull, endgültig nach Deutschland zurück.

Zum Urlaubmachen komme ich aber gerne wieder hierher, vor allem, wenn die englische Riviera, wie schon seit ungefähr einer Woche, plötzlich im Pärchenwetter erstrahlt. Das nutzt der gemeine englische Hautkrebs natürlich gleich aus und pflanzt sich auf so manchem englischen Rücken fleißig fort. Und als ob meine Tübinger Freunde es geahnt hätten, entflohen sie genau zur richtigen Zeit dem deutschen Restwinter und kamen am Wochenende her.

Auf diesem Blog wird also in Zukunft nur noch sporadisch veröffentlicht, zum Beispiel, wenn der Londonurlaub nach schriftlicher Erwähnung drängt oder meine nordirische Mitbewohnerin nächstes Jahr heiratet. Die bisherigen Beiträge bleiben brav hier.

Ansonsten:
Bye-bye Erstigefängnis!
Bye-bye ginger beer!
Bye-bye land of mint and vinegar!
Bye-bye cider!
Bye-bye penalties!
Bye-bye Henry!

Advertisements

Die Entdeckung des Tages

8. Mai 2010

Ein bekannter britischer Safthersteller wirbt gerade mit 35p-off-Coupons, die er in alle hiesigen Briefkästen werfen lässt. Im Kleingedruckten fand ich das wahrscheinlich britischste, das mir in den letzten Monaten über den Weg gelaufen ist:

„[…] Please do not redeem this coupon against any other product as refusal to accept may cause embarrassment. […]“

(Falls das doch nicht so britisch ist, wie ich denke, mögen Andersdenkende doch bitte einen Kommentar hinterlassen.)

Der Onkel

1. April 2010

Eines Nachmittags – R. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt – drängte sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen R.’s Onkel J., ein großer Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. R. erschrak bei dem Anblick weniger, als sie schon vor längerer Zeit bei der Vorstellung vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel mußte kommen, das stand bei R. schon etwa einen Monat lang fest. Der Onkel befand sich immer in Eile, denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei seinem immer nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles erledigen können, was er sich vorgenommen hatte. Dabei mußte ihm R., die ihm als ihrem gewesenen Vormund besonders verpflichtet war, in allem möglichen behilflich sein und ihn außerdem bei sich übernachten lassen. „Das Gespenst vom Lande“ pflegte sie ihn zu nennen.

Zur besonderen Überraschung kam bei diesem Besuch allerdings noch R.’s Bruder J. von der Lingusbruderschaft mit, was R. besonders erfreute. Zu dritt verbrachten sie eine schöne Zeit; außerdem hatte sich R. von ihrem Ersparten schon vor längerer Zeit eine Kamera mit Möglichkeit zur Farbaufnahme, mit der sie Momentaufnahmen des Besuchs für spätere Erinnerungen zu machen gedachte, zugelegt.

Beim Spazierengehen fiel R. auch diesmal auf, daß am Gerichtshäuschen am Stadtrand mehrere Videokameras angebracht worden waren, die R. auf Schritt und Tritt verfolgten.

Wie R. später erfuhr, hatte die Verwandtschaft genauso viel Zeit auf der Reise wie in der Stadt verbracht.

„weißt du eigentlich wo wir gelandet sind gestern?

der „nette“ und äußerst geschäftstüchtige ryan air SIR am schalter sagte frankfurt…ich dachte prima frankfurt da gibts ne ice anbindung

faktisch war es aber frankfurt hahn was ja eigentlich lautzenhausen heißt!

das ist wie wenn ich sage ich wohne in stuttgart ost = o. [kaff bei ehingen]

100 km vom nächsten bahnhof ist der sch*** flughafen!

aaalso das war gaaar kein problem schau:

vom wörldwideinternational metropolitian flughafen lautzenhausen zum busbahnhof zu fuß
vom international busbahnhof lautzenhausen mit nem reisebus nach mainz
von mainz (ZDF) mit nem IC nach mannheim
Von mannheim mit nem ICE nach stuttgart
von stuttgart mit nem ICE nach ulem
von ulem mit ner regionalbahn nach erbach
von erbach mit nem bus nach o.
von o. mit nem fahrrad nach e. (brotheronly)“

Die Bahn bedankt sich für Ihr Monatsgehalt!

Miss Linge Mrs Tübingen!

26. März 2010

…und deshalb kommt sie im April zurück, wenn auch „nur“ für einen Monat, und zwar pünktlich zu Ostern.

Und das, obwohl die Stadt mit allen möglichen Mitteln versucht, mich hier zu behalten. Zum Beispiel, indem die Kindermode eingedeutscht wird, wodurch ich mich heimisch fühlen soll – aber ohne Socken geht gar nix!

Das alles war natürlich nur dazu da, mich von der Strafe abzulenken, die bezahlt werden musste, weil die Küchentür offen stand. (Ja, sie war wirklich offen! Keine Ahnung, welcher meiner Mitbewohner so kopflos sein konnte.)

Dann aber bekam ich Besuch aus Deutschland! Doro kam nach Exeter geflogen und leistete mir fast eine ganze Woche Gesellschaft!

Übrigens standen wir nicht nur stylisch vor der Kathedrale rum – wir waren auch ganze eineinhalb Stunden drinnen! Freiwillig! Und hätte uns der Hunger nicht aus den Hallen der Frauenverzichter gelockt, wären wir sicher noch ewig dort verharrt.

In Bath, der Stadt, die aus nur einem einzigen Haus zu bestehen scheint, hielten wir uns weniger lange in Kirchen auf. Die englische Gewohnheit, Menschen auf Kamera aufzuzeichnen, macht nämlich auch vor Kirchen nicht Halt. Der Unterschied zum deutschen Lidl-Skandal ist, dass hier jeder um sein Aufgezeichnetwerden weiß.

Und dann wanderte die Doro wieder nach Hause.

Ich werde ihr folgen.

[Eine Bitte an meine Leser, falls Doro auf dem Weg nach Deutschland im Dartmoor verloren gegangen ist: She’s the girl with the green earmuffs, so if you have seen her, please make sure you tell me! :-)]

Let me proudly present!

1. März 2010

Liebe LeserInnen,

ich darf voller Stolz verkünden, dass das Bestreben nach dem Lüften des Geheimnisses um Stonehenge ein Ende gefunden hat.


(dt: „Bitte hier lüften“)

Nachdem ich dem Gelben Wagen bis zum Steinkreis gefolgt war, entdeckte ich den Mann im Stein.

Und er sprach: „Liebes Kind, du bist die Reinkarnation des Geheimnisträgers, der seit Urzeiten das Geheimnis um den Steinkreis von Südengland wahrt. Nur du kannst mich hören. Willst du, dass ich fortfahre und das Geheimnis lüfte, so drücke die 1, followed by the hash key. For further options, press Nein.“

Ich war mir nicht sicher. War es möglich, dass ich, wie ich tatsächlich immer vermutet hatte, die Geheimnisträgerin war? Oder wollte mich hier jemand auf den Arm nehmen? Ich gab das Telefon aus der Hand, um mich durch eine Fremdmeinung zu vergewissern.

„Ist echt!“, sagte er.

Ich drückte also die 1. Nun, um es kurz zu machen – Merlin stellte die Steine nur im Kreis auf, um die Menschen zu verwirren. Er war nämlich kein Zauberer, sondern Wissenschaftler. Er pflanzte zum Beispiel den ersten Baum, der bei Nacht blüht.

Vor allem aber war er ein Pionier der optischen Täuschungen. So hat er es fertiggebracht, dass alle Welt den Steinkreis als riesengroß empfindet, obwohl er gar nicht soooo groß ist. Wirkliche Größe besitzt das O2-Centre in London.

Michael Ende griff später das Konzept des Scheinriesen in seinem Werk auf.
Die eigentliche Täuschung bestand jedoch darin, dass Merlin mit dem sogenannten Altarstein den ersten Mobilfunkturm errichtete, und zwar noch vor der Erfindung des Mobiltelefons. Ohne sich dessen bewusst zu sein, pilgern also heute jährlich Millionen von Menschen nach Stonehenge, um wichtige Nah- oder Ferngespräche zu führen.

„Schatz, hast du jetzt Empfang? Komm, wir probieren endlich die Viererkonferenzschaltung aus!“ „Pssst, sei still, ich komm grad durch! Uschi? Bisch du’s?“

Theri, this is just for you!

20. Februar 2010

Do you recognise it?

Maybe you know this

or that:

And I’m sure you’ve seen this!

Perhaps you know them (or the building behind them):

I guess your father wouldn’t like it… or is this the reason why you moved away in the first place?

A little update about what’s going on:

🙂

Hier piept’s wohl!

30. Januar 2010

Ladies and Gentlemen,

Please stand in line for the following picture show:

Ihr holden Entlein,
Und trunken von

Hölderlin?

Hitchcock?

Tschaikowski?

Sind meine Gedanken.

Erstmal ab in‘ Neckarmüller Mill on the Exe.

Exeter und Ummm-ge-bunggg

28. Januar 2010

Gestern saß ich mit ein paar englischen Deutschstudenten zusammen und fand heraus, dass sie deutsche Lieblingswörter haben: ‚Schmetterlinge‘ klingt so schön, ‚geöffnet‘ klingt wie geoff.net und Umgebung war das Lieblingswort einer Studentin, bis ihre Aussprache des Wortes in einer mündlichen Prüfung korrigiert wurde. Sie hatte es nämlich wie ‚dum-di-dum‘ betont, also Ummm-ge-bunggg. 🙂
Ich darf die Ummm-ge-bunggg Exeters im Februar leider nicht kennenlernen:

In Week 6 (22 – 26 February), your ‚Student Centered Learning Week‘ for this semester, we expect you to stay here in Exeter. Week 6 is part of the term and as a consequence you are not allowed to leave Exeter, and that is for good reasons:

– you are supposed to use the library for the preparation of presentations, classes and the exam
– you might have projects to finish, which might include group-work
– you may be asked by your module tutors to meet up for small group tutorials (with short notice)
– further, should you have any classes on Good Friday, the last Friday of the term, your module tutor might want to reschedule them for the Friday in Week 6
– and you may have other classes rescheduled, in case your lecturer – due to illness or conference attendance – was not able to teach one of the scheduled classes in the other weeks
– …

Diese Einschränkung nehm ich ohne Gemecker hin. In Woche 6 kann ich ja genauso gut aus dem Fenster schauen,

am überfluteten Flussufer spazierengehen

oder mich mit meinen MitbewohnerInnen vergnügen:

In der Birne von Ribbecka

22. Januar 2010

In meinem Kopf ist heute der Entschluss gereift, etwas auszuprobieren, ein kleines Experiment durchzuführen, und zwar hier, und natürlich wird das Experiment gelingen, beziehungsweise es ist schon gelungen, sonst würde ich das ja nicht hier veröffentlichen, denn ein gescheitertes Experiment enthalte ich der Welt lieber vor, als dass ich es kundgebe, und vielleicht ahnt ja der eine oder andere schon, was für ein Experiment es sein wird, oder ist, oder war,

denn seit einigen Zeilen habe ich ja denselben Satz immer fort- und fortgeführt, ganz ohne Punkt, und auf die Idee bin ich gekommen durch Friedrich Christian Delius‘ Die Birnen von Ribbeck, daher also auch der Titel dieses Artikels, und das Besondere an Delius‘ Erzählung ist, dass sie genau einen Satz enthält, der außer von einem Punkt auf Seite 79 nur von Hunderten Kommata, Absätzen und einem Doppelpunkt auf Seite 35 in kleinere Abschnitte unterteilt wird, aber da ich noch nicht weitergelesen habe als Seite 35, weiß ich nicht, ob vielleicht noch weitere außerkommataische Satzzeichen drin vorkommen und

nun interessiert mich natürlich, ob es denn genauso schlimm ist, ohne Ende zu schreiben, wie ohne Ende zu lesen, da man doch beim Lesen nie Luft holen kann, weil es immer weitergeht und weitergeht, und sogar am Ende eines Absatzes geht es weiter, sodass man sich gar nicht traut, eine Lesepause einzulegen, weshalb ich Lesepausen auch manchmal mitten im Absatz einlege, damit ich nicht denke, ich hätte einfach mitten im Satz aufgehört zu lesen, obwohl das dann ja genau so ist, denn schließlich steht in dem ganzen Buch nur ein Satz, aber

der eigentliche Grund, weshalb ich schreibe, ist ein ganz anderer, oh, und darf ich noch erwähnen, dass ich die Lang-Satz-Idee schon vor dem Lesen des Buches hatte, denn wer genauer hingeschaut hat, hat vielleicht bemerkt, dass mein Artikel Schaben im Bad auch aus nur einem Satz besteht, naja, eigentlich nur der zweite Absatz des Artikels, aber immerhin, nur ein Punkt auf neuneinhalb Zeilen, und jetzt merke ich, wie ich ganz vom Thema abkomme, obwohl ich eigentlich ja noch überhaupt nicht beim Thema war,

deshalb schreibe ich jetzt endlich, worum es geht, nämlich darum, dass alle Bewohner meines Heims heute eine Mail bekommen haben mit dem Inhalt, dass von nun an Weekly Flat Inspections durchgeführt werden, und zwar von unserem Office Manager, der übrigens eine Frau ist, was aus der englischen Bezeichnung ja überhaupt nicht ersichtlich wird, und diese Frau entscheidet darüber, ob die Wohnheimswohnungen ordnungsgemäß benutzt werden oder nicht, und wenn nicht,

dann werden saftige Bußgebühren fällig, über deren Höhe wir zum neuen Jahr schriftlich informiert wurden, und durchschnittlich liegt die Geldstrafe bei zwischen 50 und 100 Pfund, und so wollen sie uns davon abhalten, die Küche beim Kochen kurz zu verlassen, weil ja die Würstchen ein paar Minütchen zu lange in der Pfanne schmoren könnten, und dann würde es rauchen und der Feueralarm ginge los, und weil es so stressig ist, als Office Manager vorbeizukommen und den Alarm abzustellen, lässt man sich schnell noch 50 Pfund extra bezahlen, ganz so,

als ob sie mit ihrer englischen Höflichkeit nicht sagen könnten, liebe Studenten, die ihr euch entschieden habt, hier im Erstigefängnis zu wohnen, weil ihr keine andere oder keine bequemere Möglichkeit hattet, eine Wohnung zu finden, ihr, die ihr euch auf dem Weg zum Erwachsensein befindet, ihr müsst wissen, dass ihr hier etwas mehr Verantwortung zu tragen habt als im Hotel Mama, und dazu gehört auch, dass ihr nicht mit Feuerlöschern um euch werft, was ihr natürlich nicht getan habt, aber vorsichtshalber komm ich euch mal kontrollieren, denn

mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort hat die englische Höflichkeit ein Ende, und eigentlich entspringt unsere verbale Höflichkeit sowieso nur unserer selbstauferlegten zwanghaften Selbstkontrolle, und weil wir es von uns selber nicht anders kennen, kontrollieren wir auch euch.

English Snacking (Englisch schnacken)

16. Januar 2010

In der Annahme, dass ich nach meinem Englandaufenthalt so gut englisch spreche, dass einem Muttersprachler mein Ausländertum nicht auffällt, kam ich her. Von dem Perfektionsanspruch muss ich mich wohl verabschieden, aber immerhin merke ich jetzt, nach meinem Deutschlandbesuch, dass ich englischer klinge als noch im August. Außerdem fällt mir nach der Sprachpause auf, dass ich die Leute hier viel besser verstehe – meine nordirische Mitbewohnerin zum Beispiel muss mir nicht mehr alles zwei Mal sagen. Dafür findet sie es umso merkwürdiger, wenn ich ihr meine Sprachbeobachtungen zuteil werden lasse und von Diphthongen erzähle, die sie anders ausspricht als die Briten. (Den Unterschied hört sie auch beim fünften Mal nicht raus.)

Bestimmt haben schon tausend Menschen vor mir ganze Bücher über diese Unterschiede geschrieben, und in Stus Vorlesung wurde sicher schon alles erwähnt, was mir jetzt auffällt, aber es macht viel mehr Spaß, sowas nicht nur aus Lehrbüchern zu erfahren. Statt Englischunterricht gibt’s für meine Schüler dann mal jahrelange Auslandsaufenthalte.

PS: I have set me homely to the goal, somewhen to speak so good English how our twittering outsideminister, Mr. Westerwave. But I must bethink, that it is common in Germany German to speak, also too in the class. Also however no stay abroad for my pupils.